Gastbeitrag: Zwei Kinder im Herzen, eines an der Hand

zwei Sternenkinder und ein Kind an der Hand
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Auf ihrem Blog Marylouloves schreibt Mary über ihr Leben mit ihrem Regenbogenkind und lässt euch an ihren Gedanken als Mama teilhaben. Mary ist dreifach-Mama und trägt zwei Kinder im Herzen, eines an der Hand. Über ihre Erfahrungen mit ihren zwei Sternenkindern, berichtet sie euch heute.

Mein Name ist Mary, ich bin 36 Jahre alt und wohne mit meiner Familie im Bergischen.

Heute möchte ich über ein Tabuthema schreiben, dass nicht nur mich, sondern so viele andere Frauen ebenfalls betrifft. Ich habe drei Kinder – zwei Kinder im Herzen, eines an der Hand. Ich bin eine Sternenmama, eine zweifache.

Ein Tabuthema, das doch so viele betrifft

Man wünscht es nicht einmal seiner ärgsten Feindin und dennoch trifft es mehr Frauen als man denkt. Jede vierte Schwangere Frau – so die Schätzungen von Medizinern – erlebt eine Fehlgeburt. Dabei spielt es für die Frauen und Männer, die diese Erfahrungen machen müssen, keine Rolle, ob die Fehlgeburt in der frühen Schwangerschaft oder in der fortgeschrittenen Schwangerschaft stattfindet.

Denn eines haben alle Fehlgeburten gemein: für die Betroffenen ist es ein traumatisches Erlebnis, ein einschneidendes Erlebnis, welches das eigene Leben und die Sicht auf die Dinge für immer verändert. Das eigene Kind, in das man so viel Hoffnung und Träume gesteckt hat, verstirbt im eigenen Körper. Eine absolute Horrorvorstellung für jede schwangere Frau. Leider ist das Thema Fehlgeburt in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema. Allein die Tatsache, das mehr als jede vierte Schwangerschaft damit endet, jedoch kaum jemand darüber spricht, ist ein Beweis dafür, dass hier noch viel passieren muss .

Bis zum Jahr 2014 war meine Welt in Ordnung. Wenn mich heute jemand fragt, welche Worte mein Herz brachen, dann denke ich nicht an längst vergangene Jugendlieben, Teenagerherzschmerzen oder junge Mädchenträume zurück. Nein, ich denke an den Abend des 02. Dezembers 2014 zurück, an dem eine Ärztin in einem Kölner Krankenhaus zu mir sagte „Ich sehe keinen Herzschlag mehr“.

Die natürliche Fehlgeburt unsers ersten Kindes

Im Sommer 2014 beschlossen mein Lebensgefährte und ich eine Familie zu gründen und nur kurze Zeit später hielten wir den positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Im November sah ich das erste und wie ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen sollte, das letzte Mal, das Herz meines ersten Kindes schlagen. Wir waren guter Dinge, immerhin hatte ich das Herz unseres Kindes schlagen sehen – und überall stand geschrieben, dass die Wahrscheinlichkeit, das nun noch etwas passieren könne, sehr gering sei. Wenige Tage später sollten wir eines Besseren belehrt werden.

Ich erinnere mich an den Tag als sei es gestern gewesen: Auf der Arbeit hatte ich eine Schmierblutung entdeckt. Nach stundenlangen warten im Krankenhaus, direkt vor dem Kreissaal, wo schwangere Frauen an diesem Abend Schlange zu stehen schienen, hatte endlich eine Ärztin für uns Zeit. Ich versuchte mir nicht allzu viele Sorgen zu machen. Tatsächlich alberten wir während der Wartezeit noch rum, machten Witze und Zukunftspläne. Oft hatte ich von Blutungen in der Frühschwangerschaft gelesen und da ich kein frisches Blut verlor (von dem behauptet wurde, es wäre ein schlechteres Zeichen als altes Blut. Kurze Zeit später sollte sich dies für uns dann allerdings als fataler Irrtum herausstellen), rechnete ich nicht mit dem schlimmsten.

Diesen Moment werde ich nie vergessen…

…die Ärztin sagte noch zum Herzmann „Ihr Mann kann ruhig mit auf den Monitor schauen“, doch schon als ich das erste Bild auf dem Monitor sah und noch bevor die Ärztin die Worte sagen konnten, die mein Herz in tausend Stücke zerspringen lies, sah ich, das dort wo der Herzschlag sein sollte, kein einziges noch so zartes pulsieren zu sehen war.

Wir fuhren nach dieser Schocknachricht nach Hause, völlig aufgelöst und schmerzerfüllt. So komisch es klingen mag, wir bestellten uns eine Pizza. Seit diesem Tag denke ich jedes Mal beim Essen einer Pizza an diesen Abend zurück. Erinnerungen brennen sich so tief in unsere Seele ein, diese Tatsache fasziniert und erschreckt mich heutzutage immer noch sehr.

Am nächsten Tag rief ich meine Frauenärztin an und wir entschieden gemeinsam, dass ich keine Ausschabung vornehmen lassen würde, sondern die Natur das fortsetzen lassen wollte, was sie bereits begonnen hatte. Einen Tag später verlor ich zuhause unser erstes Kind. Wir gaben ihm den Namen Sascha. Zuhause verkroch ich mich die nächsten Tage und Wochen und das Leben zog an mir vorbei. Noch heute fehlen mir die Erinnerungen an diese Tage. Bekannte und Freunde versuchten mich zu erreichen, woran ich mich teilweise gar nicht mehr erinnern kann. Nur eines weiß ich noch genau: wochenlang sass ich morgens in der Badewanne und weinte um unser totes Kind.

Mary über ihr zweites Sternenkind

Wie ging es weiter?

Viele Frauen erfahren in Ihrem Leben einmal eine Fehlgeburt und bei weiteren Schwangerschaften geht alles gut. Häufig wird dann gesagt „Es war halt ein Fehler der Natur“ oder „Es sollte so sein“, „Bestimmt ist das Kind krank gewesen“ und „Es ist besser so“. Aber auch eine einmalige Fehlgeburt ist ein Trauma, welches verarbeitet werden muss und niemand sollte einer Frau genau solche Sätze sagen. Für uns blieb es leider nicht bei diesem einmaligen Trauma. Denn genauso viele Frauen erleben eine Fehlgeburt oder Totgeburt nicht nur einmal, sondern öfters.

Die Stille Geburt unseres zweiten Kindes Henry

Erst knappe 9 Monate nach dem Verlust unseres ersten Kindes hielten wir Anfang August 2015 wieder einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Obwohl bereits von Anfang an auch immer ein wenig Angst mit dabei gewesen ist, schaute ich doch positiv in die Zukunft. Wir erreichten die zwölfte Woche. Beim Ultraschall um die 15/16 Schwangerschaftswoche rum war alles in Ordnung. Fast ließ sich meine Frauenärztin sogar zu einer Vermutung des Geschlechts hinreißen.

Wir fuhren gut gelaunt in unsere Heimat und besuchten unsere Eltern. Ich redete mit meiner Mama über die Schwangerschaft, wir kauften Babysachen und das Leben war schön. Als ich am Abend des 6. Novembers zu Bett ging merkte ich leichte Schmierblutungen. Auch wenn es diesmal anders und später war – wusste ich bereits in diesem Augenblick, dass unsere Geschichte sich wiederholen sollte. Am 07.11. um 22:05 brachte ich unseren Henry in der 18 Schwangerschaftswoche still zur Welt. Wie bei unserem ersten Kind hatte das Herz aufgehört zu schlagen, unser Henry war wahrscheinlich schon einige Tage verstorben. Es folgte die Beerdigung unseres Kindes und für mich begann der Weg der Trauerbewältigung.

Ich hatte das Bedürfnis über unser Schicksal zu reden. So entstand mein Sternenkinder-Tagebuch auf meinem Blog und mir wurde bewusst, wie wichtig es war über Henry, über uns und unsere Geschichte zu reden. Dies ist auch der Grund, warum ich dieses Thema für meinen Gastbeitrag gewählt habe. Ich möchte allen Sternenmamas und Papas Mut machen. Ich möchte euch zeigen, dass ihr nicht alleine seid. Das ihr trotzdem Eltern seid, die Ihre Kinder lieben. Ich möchte euch ermutigen, über Eure Kinder zu erzählen und zu schreiben und ich möchte Euch Hoffnung geben.

Unser drittes Kind schlich sich still und leise in unser Leben

Meine Frauenärztin sorgte noch Anfang Dezember dafür, dass ich bei einem Spezialisten für Blutgerinnung vorstellig wurde. Eine frühe und eine späte Fehlgeburt waren ihr Grund genug nicht noch eine weitere Fehlgeburt abzuwarten. Gott sei Dank, wie ich heute sagen muss. Mitte Januar erhielt ich die Ergebnisse des Gerinnungsspezialisten. Auf Grund einer vererbbaren Gerinnungsstörung hatte keiner unserer zwei Kinder eine Überlebenschance. Wie wichtig diese Erkenntnis zu genau diesem Zeitpunkt gewesen ist, wird spätestens dann klar, wenn ich Euch erzähle, dass sich Mitte Dezember unser drittes Kind still und heimlich in unser Leben geschlichen hat.

Am 10. Januar 2016 testete ich das dritte Mal positiv und fing an Blutverdünner zu nehmen. Die Schwangerschaft war geprägt von Vorfreude auf der einen, aber Unsicherheit und Angst auf der anderen Seite. Doch diesmal sollten wir am Ende unser größtes Glück in den Armen halten: seit dem 11.09.2016 sind wir Eltern unseres Regenbogenbabys Isabella Gisele. Inzwischen ist sie vier Jahre alt, sie weiß von ihren zwei Brüdern, da wir offen über unsere Sternenkinder reden.

Marylouloves über ihre Sternenkinder

Zwei Kinder im Herzen, eines an der Hand

Für die meisten bin ich sichtbar die Mutter eines Einzelkindes und nicht selten musste ich mich für diese Tatsache rechtfertigen. Dabei trage ich zwei Kinder im Herzen, eines an der Hand. Eine vierte Schwangerschaft würde mich nervlich sehr stark belasten und ich habe auch heute immer noch das Gefühl, dass wir das Schicksal nicht ein weiteres Mal herausfordern sollten. Wir lieben unsere Kinder, alle 3 und sind glücklich, dass wir eines davon an der Hand halten dürfen.

Der Schmerz und die Trauer über die Verluste meiner zwei Kinder wurde mit der Zeit zwar geringer, aber er wird nie vergehen. So schreibe ich auch heute noch oft auf meinem Blog marylouloves.com über meine Sternenkinder und auch über die Schicksale anderer Sterneneltern. Ich versuche das Thema zu enttabuisieren. Und danke daher Bea, dass ich über dieses nicht ganz so freudige Thema hier schreiben darf.

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